Der in Norwegen geborene Kjetil Thorsen studierte Architektur an der Technischen Universität in Graz. 1987 gründete er u.a. mit dem Amerikaner Craig Dykers und dem Österreicher Christoph Kapeller das Büro Snøhetta, das heute rund 90 Mitarbeiter zählt und Projekte im Spannungsfeld von Architektur, Landschaftsarchitektur und Design plant. Eines ihrer ersten Projekte war die Teilnahme am Wettbewerb für die neue Bibliothek von Alexandria in Ägypten, den sie dann auch gewannen. Nach einigen Verzögerungen aufgrund der politisch schwierigen Situation in Ägypten konnte die Bibliothek 2002 eröffnet werden und wurde seither vielfach ausgezeichnet, u.a. 2004 mit dem Aga Khan 1st Prize.
Snøhetta ist der Name eines grossen Berges mitten in Norwegen, auf welchem die Vikinger glaubten, dass das Paradies angesiedelt sei. Für das Snøhetta Team sind Berge eine komplexe Form, zugleich Landschaft, quasi-architektonisches Objekt und, in diesem spezifischen Fall, mächtiges Symbol. Eine Form, die ihren Architekturansatz zusammenfasst – ein nie endender, umfassender Ansatz, dessen Ziel es ist, ohne Kluft zwischen den Disziplinen nicht Objekte sondern Umgebungen in all ihren möglichen Dimensionen zu gestalten. Das Snøhetta Team hat ein für alle mal die klassische, vertikale Funktionsweise von Architekturagenturen verworfen, in der die Personen, die ihre Ideen durchsetzen, sich am Gipfel der Pyramide befinden, am entferntesten von den Realitäten und Details des Projektes. Diese Vertikalität – verantwortlich für verschwendete Zeit und Effizienzeinbussen – findet sich ihrer Meiung nach wieder in der Verwaltung und in der Nutzung von einmal fertiggestellten Bauten. Snøhetta hat sich radikal entschieden für eine horizontale und fachübergreifende Praxis, den Fokus auf das Projekt richtend. Das bedeutet auch, dass zwischen Verfahren und Technologien, Bau und rein architektonischen Parmetern nie getrennt wird. Diese Suche nach Effizienz, Flexibilität und Professionalität stellt das Snøhetta Team in den Dienst einer sensiblen, bedeutungsreichen und fast metaphysischen Architektur, die sich die immateriellsten, veränderlichsten Elemente des Zeitverlaufs, des Wetters, des Lichts und der Bewegung einverleibt.
Snøhettas grösster Erfolg ist die Bebauung von Ground Zero mit dem neuen WTC Cultural Center, das ein Besucherzentrum, das International Freedom Center und das Drawing Center beherbergen wird. Aus 60 Bewerbern wurde Kjetil Thorsens Team ausgewählt, bis 2009 soll der gesamte Komplex stehen. Die Grundidee erläutert Kjetil Thorsen wie folgt: „Man muss sich das wie eine Bremsspur vorstellen. Wenn man auf das Museum zusteuert, wird alles langsamer, die Schnelligkeit der Stadt verfliegt. Und umgekehrt: Wenn man es verlässt, muss man sich schnell wieder an das Tempo der Stadt anpassen können.“ Ebenfalls konnten sie den international ausgeschriebenen Wettbewerb für die neue Nationaloper Oslo für sich entscheiden. Der Entwurf besticht durch das direkt vom Fjord aus ansteigende Dach. Im April 2008 wurde das neue Wahrzeichen Oslos eröffnet. Weitere laufende Projekte sind das Turner Contemporary Museum in Margate/UK, das Petter Dass Museum in Alstahaug/NO, die National Academy of the Arts in Bergen/NO, sowie der in Zusammenarbeit mit Olafur Eliasson gestaltete Sommer Pavillon 2007 für die Serpentine Galerie, London.
Ein weiteres hochinteressantes Projekt von Kjetil Thorsen und seinem Team entsteht im Nahen Osten. Das norwegische Architekturbüro plant im Auftrag von Scheich Saud bin Saqr Al Qasimi einen Gebäudekomplex für die neue Hauptstadt Ras Al Khaimah in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Der Komplex soll als „Eingang“ zur Hauptstadt fungieren und beherbergt ein Kongresszentrum, Ausstellungshallen, Einkaufszentren, ein 5 Sterne Plus Hotel sowie ein 4 Sterne Hotel.
Kietil Thorsen war Jurymitglied an verschiedenen Designwettbewerben in Europa und hat an zahlreichen Architekturausstellungen, Designsymposien und Konferenzen weltweit mitgewirkt. Er hält regelmässig Vorträge und ist engagiert in der Förderung norwegischer Architektur im Ausland. 2004 wurde er an der Universität Innsbruck zum Profesor ernannt; dort leitet er gemeinsam mit Patrik Schumacher von Zaha Hadid Architects das Institut für experimentelle Architektur.