SCHLUSSBERICHT
„HOTEL ZUKUNFT“
Architekturgespräche Luzern - 24. & 25. Juni 2005
im Kultur- & Kongresszentrum Luzern
Hotel Zukunft: Erbautes und Erdachtes.

Im Wissen darum, heute in einem Europa zu
leben, das vom chinesischen Wirtschaftsmodell überrollt wird, wo das
Wachstum viermal so rasant vor sich geht wie hier, waren die
Architekturgespräche Luzern eine gute Auslegeordnung, wohin sich in den
westlichen Breitengraden das „Hotel Zukunft“ bewegen muss, um
erfolgreich zu sein.
Heute gleicht das Hotel immer mehr einem Wohn-Labyrinth für Reisende.
Das Design-Hotel nimmt die Sehnsüchte und Hoffnungen von Menschen auf,
die unterwegs sind. Das Hotel wird zum Knotenpunkt in einer
globalisierten Welt, wo Mobilität immer mehr an Bedeutung gewinnt. Es
ist aber gerade in seiner unterschiedlichen Ausdrucksform auch zu einem
Gordischen Knoten geworden, den es für die Zukunft zu lösen gilt.
Luxushotel, Boutiquehotel, Avantgardetempel versus Massenunterkünfte?
Welche unterschiedlichen Wege Architekten und Designer in der
Definition der Hotelzukunft eingeschlagen haben, verdeutlichten die
ersten Architekturgespräche, die am 24. und 25. Juni im Kultur- &
Kongresszentrum Luzern stattgefunden haben.
Nachdem Donald Albrecht,
Kurator der New Yorker Ausstellung „New Hotels for Global Nomads“ von
Cesar Ritz bis Alfred Hitchcock in die Biographie des Hotels einführte,
forderte Matteo Thun
einen sensibleren Umgang mit den Orten, an denen Hotels entstehen. Er
appellierte an den Respekt gegenüber der Natur: „Es muss uns bewusst
sein, dass die Landschaft zur Herausbildung von lokalen Kulturen
beiträgt und ein grundlegendes Element des europäischen Natur- und
Kulturerbes darstellt und so zum Wohlergehen der Menschen und zur
europäischen Identität beiträgt.“ Sein Alpenresort-Hotel „Vigilius“ ist
ein gutes Beispiel dafür, wie weit der Mailänder Architekt über den
„Tassenrand“ des Bauens hinausschaut. Thomas Willemeit von Graft
Architekten, die Büros in Berlin und Los Angeles betreiben, stellte das
Berliner „Q!“ Hotel in den Fokus seiner Präsentation. Das neue Hotel
sprengt den Rahmen unserer Vorstellungskraft. Da wird ein Interieur
behandelt als wär’s eine Landschaft. Das Entree gleicht einer
mediterranen Meerespromenade mit Kubaturen, die fliessend ineinander
übergehen. Ihr Hotelprojekt in der Wüstenlandschaft von Palm Springs
veranschaulicht, wie sie sich in die Gegebenheiten der Natur
hineinarbeiten: mit einer Art Falt-Architektur, die die Topografie des
zu bebauenden Landes aufnimmt. Dem „Unterwasser-Architekten“ Joachim Hauser,
der das Hotel „Hydropolis“ in Dubai auf dem Meeresgrund, in einer Tiefe
von 29 Metern baut, wurde von den Investoren kurzerhand ein Maulkorb
verpasst. Nach einem Kampf von sechs Jahren wird das „Hydropolis“
nun definitiv gebaut. Wie arg es um Absteigen für Busreisende steht,
skizzierte Paul Lewis vom New Yorker Team,
Lewis.Tsurumaki.Lewis und
präsentierte eine interessante Lösung. Entlang den Hauptverkehrsadern
vom Norden in den Süden Europas sieht er Hotelbauten, die von aussen
wie eine Airport-Architektur daherkommen, also modern und puristisch.
Im Innern soll den Gästen jedoch ein Flair vom Land geboten werden, zu
dem die Reisenden gerade unterwegs sind. Der weltweit gefragteste Lichtdesigner Arnold Chan,
der zurzeit das Madrider Hotel Puerto América illuminiert, ein Oeuvre
von 18 Stararchitekten von Ron Arad bis Zaha Hadid, hadert ein wenig
mit seiner Position als Lichtdesigner: „Erntet ein Bau Lobeshymnen,
dann steht immer der Architekt im Rampenlicht. Bei einem Verriss muss
der Lichtdesigner den Kopf hinhalten.“
Von Zehn-Quadratmeter-Wohnzellen und einem Popstar
„Yotel“ und besonders Gerard Greene,
Direktor und Gründungsmitglied, ist von seiner Idee mehr als überzeugt:
„In einer Zeit, wo man beispielsweise in London für eine Übernachtung
in einem durchschnittlichen Hotel bis zu 200 Euro hinlegt, ist unser
Projekt ein Produkt des steigenden Bedürfnisses nach Unterkünften, die
man sich auch mit einem kleinen Budget leisten kann. Winzig klein, aber
gemütlich wie die Kajüte einer Luxusjacht werden die Räume sein.“ So
stellt sich Gerard Greene die Hotelzukunft vor. „Unser Konzept kann am
Flughafen, auf dem Dach eines Hauses oder auch unter einer Brücke
realisiert werden, das liegt am modulartigen Design.“
Mit Karim Rashid,
dem ultimativen Shootingstar der Designszene, setzten die
Architekturgespräche ein Highlight sondergleichen. Begleitet von der
Musik „Also sprach Zarathustra“ von Deodato, betrat er, ganz Popstar
des kontemporären Designs, die Bühne und startete ein verbales
Feuerwerk ohne Punkt und Komma: „Ich habe alles designed...vom Löffel
bis zum Haus, von der Shampoo-Verpackung bis zu Möbeln, von
Fitnessobjekten bis zu einem ganzheitlichen Corporate Design. Und doch
ist die Grundlage immer die gleiche, einfache.“ Was er damit meinte:
“Our motivations should focus around our conscious collective memory
and a desire to fill it with ideas that move between art and life. As
art takes its ideas from everyday life and I hope that everyday life
will take its ideas from art.“... Für Ilse Crawford,
„la grande dame“ des britischen Designs und Beraterin für die
Ladengestaltung von Donna Karan, ist es in Zukunft wichtig, Räume nach
den Menschen zu gestalten, die in diesem Räumen leben und ihnen nicht
einen Stil aufzuzwingen, nur weil er gerade „en vogue“ ist. Sie ist
überzeugt: Räume und ihre Ambiance werden von den Menschen gemacht, das
Design kann nur mithelfen, die Menschen, die darin leben, besser zu
verstehen. Von einer ganz anderen Seite kam Reto Gurtner,
CEO der Weisse Arena Flims-Laax. Er redete davon, nicht die Asche,
sondern das Feuer weiter zu tragen. Mit Feuer meinte er unter anderem
auch die Hightech-Bahn, zu vergleichen mit einem „Monorail“ auf
Stelzen, der die Gäste des Ferienresorts in no-time zu den
Bahnstationen der Bergbahnen bringen soll.
Plädoyer für Rituale und Träume
Die Schweizer Innenarchitektin Pia Schmid
präsentierte das fahrende Hotel: ihr Schiff, das sie im Auftrag von
einem ägyptischen Reeder für Flussfahrten auf dem Nil entworfen hatte.
Ihre Arbeit ist Poesie in Farben und Formen und nimmt Rücksicht auf
Rituale der Nordafrikaner. Dann plädierte sie auch für bewusste Brüche
beim Gestalten von Innenräumen, dem Beispiel des Lebens folgend, das ja
auch nicht immer nur stromlinienförmig daherkommt. Wer Will Alsop,
den britischen Toparchitekten und seine Arbeiten kennt, war erstaunt,
in seinem Referat nicht seinen grossartigen Projekten wie dem
Masterplan für das Fourth Grace in Liverpool, der Battersea-Station
oder dem Hôtel du Département des Bouches-du-Rhône in Marseille zu
begegnen, sondern seinen Träumen und Utopien. Wie er dem eher
gesichtslosen Industrieort Barnsley eine Identität geben will, legte er
nicht in einem blutleeren Masterplan dar. Nein, er verfilmte seine Idee
in der Person eines Postboten, der auszieht, in seinem Traum einem
Barnsley zu begegnen, das in wundersamer Weise gebaute und erdachte
Architektur zusammenbringt. Was Will Alsop dem Publikum zeigte war eine
„symphonie phantastique“ und vielleicht auch eine Antwort auf die Frage
wie das Hotel Zukunft aussehen soll: Ein Ort, wo die Seele genüsslich
zwischen Komfort und überraschenden Erscheinungsformen flanieren kann.
Frank Joss,
Initiator der Architekturgespräche wünscht sich für das Hotel Zukunft,
dass viele Investoren, Hoteliers, Architekten und Designer die weise
Botschaft von Will Alsop verstanden haben.
Keine Gespräche ohne Partner
Die Architekturgespräche 2005 sind mit grosser Geste von folgenden
Firmen unterstützt worden: Grohe, Interface, Jansen, Sarnafil,
Swarovski, Swiss International Air Lines als Official Carrier, U.S.W.
Beschläge, Villeroy & Boch, Vitra und Zumtobel Staff sowie der
Archithema Verlag, Die Weltwoche und die hotel + tourismus revue als
Medienpartner.
Schlussbericht, 4. Juli 2005/Frank Joss